Lesetipps im Mai 2015

Don Quixote
Bob Davis, Miguel de Cervantes

Pinocchio
David Chauvel, Tim McBurne, Carlo Colodi
Altbekanntes frisch erzählt
Bob Davis nahm sich einer Geschichte an, die bereits Anfang des 17. Jahrhunderts geschrieben wurde. Es geht um die weltberühmte Erzählung von einem alten Mann, der sich nach der Lektüre von zu vielen Ritterromanen nun selbst als fahrender Ritter wähnt und dabei in allerhand meist äußerst absurde Abenteuer gerät. Das wohl berühmteste, der Kampf Don Quixotes gegen die Windmühlen, hat es zwar auch bei Davis Buch aufs Cover geschafft, ist in der Geschichte dagegen, wie auch in Miguel de Cervantes Originalroman, eine kleine Episode von vielen anderen, in denen eine einfache Schenke zur Burg, eine Schafherde zum feindlichen Heer, ein Weinschlauch zu einem Riesen oder eine Rasierschale zum Zauberhelm werden kann. Und immer wieder müssen Don Quixote, wie auch dessen Begleiter, der Bauer (bzw. nun Knappe) Sancho Pansa ziemlich viel Prügel einstecken. Während es den falschen Ritter in die Ferne zieht, versuchen der Barbier und der Pfarrer aus dessen Heimatdorf immer wieder den Verwirrten mit Tricks und Verkleidungen zurück nach Hause zu locken und wirken dabei manchmal genauso skurril, wie die Fantasien des Don Quixote.
Bob Davis hat das umfangreiche zweibändige Originalwerk nun auf eine mit annähernd 300 Seiten auch recht voluminöse Comicversion eingedampft und es dabei geschafft diese Jahrhunderte alte Ritter-Parodie frisch und modern erscheinen zu lassen. Mit lockerem Strich zaubert Davis lebendige Figuren aufs Papier und erzählt eine äußerst unterhaltsame Geschichte, die immer wieder durch stilistische abgesetzte, von den handelnden Personen erzählte Kurzepisoden aufgelockert wird. Eine gelungene Adaption – verspielt und gleichzeitig die Möglichkeiten des Mediums Comic ernst nehmend ...

Gut 400 Jahre jünger ist das Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Kinderbuch Pinocchio des Italieners Carlo Colodi. Auch hier gab es bereits unzählige Adaptionen und Variationen, zu denen David Chauvel (Textadaption) und Tim McBurne (Zeichnung) nun eine weitere gesellen. Und diese ist durchaus gelungen, denn all die fantastischen Abenteuer, die Pinocchio durch seine Fehlentscheidungen erlebt (steht das nicht eigentlich irgendwie dem erzieherischen Anspruch des Werkes entgegen, wenn Pinocchios Leben doch eher langweilig sein müsste, wäre er immer brav geblieben), werden hier vor allem auch Dank der wunderschönen detaillierten Zeichnungen McBurnes lebendig. Ein schönes Buch, ganz ohne Disney-Kitsch.



Der goldene Kompass
Stéphane Melchior, Clément Oubrerie, Philip Pullman

Das Schloss in den Sternen
Alex Alice
Fantastische Welten
Auch beim folgenden Titel handelt es sich um eine Buchadaption, allerdings deutlich jüngeren Datums. Der goldene Kompass, der erste Teil der „His Dark Materials“-Reihe von Philip Pullman erzählt von einer Parallelwelt, in der die Leute eine Verbindung zu sogenannten Dæmonen, die die Menschen in Tierform durch ihr Leben begleiten, haben. In dieser Welt gerät die junge Lyra in ein aufregendes und gefährliches Abenteuer, das sie von dem College, in dem sie nach dem Tod ihrer Eltern aufgezogen wurde, nach London bringt, wo sie von der erfolgreichen Mrs. Coulter in die Gesellschaft eingeführt wird. Anschließend soll Lyra als Assistentin Mrs. Coulter auf eine Expedition in den Norden begleiten. Doch als Lyra von der Verstrickung ihrer Gönnerin in eine düstere Geschichte um verschwundene Kinder erfährt, entschließt sie sich zur Flucht. Sie kann sich bei den Gyptern verstecken und soll dort Überraschendes über ihre Herkunft erfahren.
Die fantastische Geschichte, in der es auch um geheimnisvollen Staub und den titelgebenden Kompass, eigentlich ein Alethiometer, ein Instrument, das Antworten auf alle Fragen bietet und das von Lyra intuitiv bedient werden kann, geht, wurde von Stéphane Melchior (Text) und Clément Oubrerie (Zeichnung) nun als Comic umgesetzt. Das Ergebnis kann sich sehen (und lesen) lassen, so dass sogar Pullman selbst seiner Begeisterung Ausdruck verlieh und sagte, dass „dies die beste aller möglichen Adaptionen des Romans ist“.

Seine ganz eigene fantastische Welt, ebenfalls eine Alternativwelt unserer Erde, hat Alex Alice erschaffen. Dabei wurde sein Schloss in den Sternen von hochkarätigen geistigen Vätern wie Jules Verne oder Hayao Miyazaki inspiriert. Die Geschichte beginnt im Jahr 1868 als die Forscherin Claire Dulac auf der Suche nach dem geheimnisvollen Äther mit ihrem Heißluftballon in den Höhen des Himmels verschwindet und seit dem verschollen ist. Ein Jahr später erhält Claires Mann, Professor Dulac eine Einladung des bayerischen Königs, der das Logbuch von Claire gefunden hat. Als Professor Dulac dort mit seinem Sohn Seraphin ankommt, stellt er überraschenderweise fest, dass sich Ludwig II., unter Vernachlässigung seiner Staatsgeschäfte, ebenfalls ganz dem Erforschen des Äthers gewidmet hat. Dessen ehrgeizige Pläne führen gar direkt zu den Sternen ...
In wunderbar leichten Aquarellbildern lädt Alice Jung und Alt auf eine fantastische Reise ein.



Sex Criminals
Matt Fraction, Chip Zdarsky
Super-Höhepunkte
In diesem letztes Jahr mit dem Eisner Award als „beste neue Serie“ ausgezeichneten Titel dreht sich alles um den sexuellen Klimax. Dieser Moment ist es, der den beiden Hauptfiguren, Suzie und Jon, in Sex Criminals eine unglaubliche Superkraft verleiht, denn dann können sie die Zeit stillstehen lassen. Und was macht man mit dieser Macht: In aller Ruhe, während um einen herum alles wie eingefroren erscheint, eine Bank ausrauben. So ist zumindest der Plan, der dann allerdings doch etwas anders verläuft ...
Matt Fraction schrieb dieses ungewöhnliche Mutanten-Spektakel und lässt dabei auch viele Rückblenden auf die Vergangenheit der beiden „Helden“ einfließen. So schildert er beispielsweise, wie Suzie bei der kaum vorhandenen sexuellen Aufklärung lange braucht, um zu erfahren, dass ihre Höhepunkt-Erlebnisse nicht die Normalität sind und der junge Jon nutzte seine neuentdeckte Kraft in der Kindheit in erster Linie nur, um sich in einen Sexshop einzuschleichen. Das Leben der beiden ändert sich schlagartig, als sie aufeinandertreffen und erstmals begreifen, dass sie nicht alleine sind. Chip Zdarsky zeichnete diese klasse und völlig unpeinliche erzählte Serie.



Ein schöner kleiner Krieg
Marcelino Truong
Kindheitsjahre in Vietnam
In Ein schöner kleiner Krieg blickt Marcelino Truong auf seine Kindheit in den Jahren 1961-63 zurück. Diese Zeit verbrachte der Sohn einer Französin und eines vietnamesischen Diplomaten in Saigon, wohin sein Vater als Übersetzer des südvietnamesischen Präsidenten Ngô Ðình Diêm abkommandiert wurde. Es war der Zeitraum des sich anbahnenden Vietnam-Krieges, begünstigt durch die politischen Entscheidungen des neuen US-Präsidenten Kennedy. In Saigon (dem heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt) war die Lage meist zwar eher ruhig, doch die Situation glich einem Pulverfass, bei der es nicht nur um die Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Nordvietnam ging, sondern sich die Bevölkerung auch immer mehr gegen die korrupte Herrschaft Diêms wendete. Dem jungen Marcelino erschien alles eher als ein Abenteuer, in dem er fasziniert die amerikanischen Waffen und Flugzeuge bestaunte, die in Saigon eintrafen. Diesen Moment der Zeitgeschichte lässt Truong in seinem autobiografischen Buch lebendig werden, nicht nur anhand seiner Erinnerungen, sondern auch dank all der erhalten gebliebenen Briefe, die seine Mutter in diesen Jahren geschrieben hatte.




Lesetipps im Mai 2015

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