Lesetipps im Mai 2016

Corto Maltese 13: Unter der Mitternachtssonne
Juan Díaz Canales, Rubén Pellejero
Der Marokkanische Frühling 1: Lockruf Tanger
Martin Defrance, Fabien Nury, Fabien Bedouel, Merwan
Als es noch Abenteuer gab ...
Mit Corto Maltese schuf Hugo Pratt Ende der 1960er-Jahre eine Serie, die bis heute eine besondere Stellung einnimmt. Sein erstes Abenteuer mit dem sich quer durch die Welt treiben lassenden Seefahrer, die „Südseeballade“, ist einer der ersten Comic-Romane – entstanden Jahrzehnte bevor dieser Begriff (oder später die aus den USA übernommene Bezeichnung „Graphic Novel“) verwendet wurde. Seine ruhig erzählten Geschichten und sein reduzierter, mit ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Kontrasten arbeitender Stil wurde zur Inspiration vieler Comic-Künstler auf der ganzen Welt. Der Verlag Schreiber und Leser startete im letzten Sommer mit einer Neuedition des Klassikers. Dort erschien nun auch eine völlig neue Geschichte. Mehr als 15 Jahre nach dem letzten Corto-Album aus der Feder von Pratt und mehr als zehn Jahre nach dessen Tod haben sich nun die beiden Spanier Juan Díaz Canales und Rubén Pellejero an ein neues Abenteuer mit Corto Maltese gewagt, ein Abenteuer, das sich überraschend gut in das Werk Pratts einreiht. Canales, bekannt vor allem durch seinen Katzendetektiv „Blacksad“, erzählt von einer Reise, die Corto im Jahr 1915 in Kanadas Norden und in die Polarregion führt. Es ist die Bitte seines alten Freundes Jack London, einen Brief einer alten Jugendliebe zu überreichen, die Corto in diese arktische Kälte treibt. Dort trifft er auch auf historische Persönlichkeiten, wie den Forscher Matthew Henson, der 1909 zusammen mit Robert Peary als erster den Nordpol erreichte, von der Geschichtsschreibung aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe aber zu seinen Lebzeiten ignoriert wurde. Corto findet sich in der ihm eigenen fast phlegmatischen Ruhe inmitten einer turbulenten und gefährlichen Geschichte, in der unter anderem auch ein Boxer mit Liebeskummer, ein gebildeter Inuit und ein deutscher Spion eine Rolle spielen. Und so wie Canales in bester prattscher Tradition erzählt, so zeichnet auch Pellejero nah am Original und bringt mit wenigen Strichen und schwarzen Kontrasten einen perfekten Corto (und natürlich nicht nur diesen) zu Papier.

Dass zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch richtige Abenteuer möglich waren, zeigen auch Martin Defrance und Fabien Nury in der von ihnen geschriebenen Serie Der Marokkanische Frühling, in der sie von zwei ungleichen Männern erzählen. Der adelige Calixtus und der korsische Kleinganove Leon treffen erstmals in den Schützengräben des I. Weltkriegs aufeinander, wo der Überlebenskampf eine Freundschaft entstehen lässt, die die beiden 1921 erneut zusammenführt. Leon hat eine Idee und Calixtus das Geld (zumindest nachdem er all seine Besitztümer verkauft hat). Sie kaufen ein Schiff und Waffen, um letztere gewinnbringend in Marokko, wo im Gebiet des spanischen Protektorats ein Aufstand der Berber begonnen hat, zu verkaufen. Die ganze Aktion geht allerdings gehörig in die Hose und die zwei stehen am Ende zwar ohne Schiff und Waffen da, sind dafür aber am Beginn eines ganz anderen Abenteuers ... Die spannende Geschichte wurde von Fabien Bedouel und Merwan gezeichnet – und auch wenn der Stil ein ganz anderer ist, lässt die Kombination aus effektvollem Einsatz schwarzer Flächen und einer lockeren Strichzeichnung durchaus Anklänge an Corto Maltese erahnen. Die vierteilige Reihe erscheint hier in zwei Doppelbänden.



Gaudís Gespenst
El Torres, Jesús Alonso Iglesias
reMIND Band 1
Jason Brubaker
Blutiges Barcelona und eine sprechende Katze
Als sie einen alten Mann davor rettet, fast überfahren zu werden, kann die Supermarktkassiererin Antonia nicht ahnen, in was für einen Albtraum sie dadurch gerät. Während der alte Mann sich an der Unfallstelle (die dem Ort entspricht, an dem 1926 der Architekt Antoni Gaudí von einer Straßenbahn überfahren wurde) scheinbar einfach in Luft aufgelöst hat und Antonia im Krankenhaus erwacht, wird in der Casa Vicens, eines der Gebäude das Gaudí entworfen hatte, eine blutige und sorgsam drapierte Leiche entdeckt. Schnell ahnt der ermittelnde Kommissar, dass der Mord irgendwie mit Gaudí und seinen außergewöhnlichen architektonischen Hinterlassenschaften in Verbindung stehen muss. Schon bald gibt es ein zweite Leiche, die vor dem Drachentor der Güell Pavillons, einem weiteren Gaudí-Werk, abgelegt wird – direkt vor den Augen Antonias. Diese kommt langsam zu der Überzeugung, dass es sich bei dem alten Mann um Gaudís Gespenst gehandelt haben muss. Und die Mordserie ist noch nicht beendet ... El Torres hat einen packenden Thriller über einen von Gaudí besessenen Mörder geschrieben. Jesús Alonso Iglesias lässt die Geschichte und Gaudís architektonische Meisterwerke in seinen detailreichen, mit leicht karikierendem Strich und knalligen Farben zu Papier gebrachten Bildern lebendig werden. Für Iglesias, der bisher im Bereich der Trickfilmanimation tätig war, ist „Gaudis Gespenst“ das erste Comicbuch.

Das verbindet ihn mit Jason Brubaker, einem bei „Dreamworks Animation“ arbeitendem Künstler, der sich nebenbei aber immer wieder mit einem ganz persönlichen Projekt beschäftigt hat, das sich seit der Grundidee 1997 vom geplanten Musikvideo, über den geplanten Animationsfilm zum Comic entwickelt hat. reMIND erschien zuerst online und wurde im Original vom Künstler selbst, über Kickstarter finanziert, veröffentlicht. Tokyopop bringt nun die deutsche Ausgabe dieser schrägen Serie, in der es um die junge Leuchturmwärterin Sonja geht und um ihre Katze Victuals, die eines Tages plötzlich verschwunden ist. Im Dorf sind sich alle sicher, dass die Katze vom Echsenmann, einem lokalen Mythos, geholt wurde. Dann aber ist Victuals wieder da, halbtot angespült und mit einer großen Narbe am Kopf. Kaum hat sich die Katze erholt, findet Sonja sie nachts an ihrem Esstisch – aufrecht sitzend, mit einer Gabel in der Hand vor einem Teller, auf dem ein Fisch angerichtet wurde. Und als Victuals Sonja bemerkt, fängt er an zu sprechen, unter anderem von einem unbekannten hoch entwickelten Echsen-Reich tief unter Wasser ... Bei Brubakers Comicdebüt passt alles: Klasse gezeichnet sowie überraschend und unterhaltsam erzählt.



Manifest Destiny 1: Flora und Fauna
Chriss Dingess, Matthew Roberts
Unglaubliche Entdeckungen
Die Lewis-und-Clark-Expedition war zu Beginn des 19. Jahrhunderts die erste amerikanische Überlandexpedition, die dazu dienen sollte die Expansion gen Westen voranzutreiben. Neben der Suche nach einem schiffbaren Wasserweg zum Pazifik galt die Forschungsreise auch der Erforschung der Flora und Fauna der noch unbekannten Gebiete. Von dieser Expedition erzählen auch Szenarist Chriss Dingess und Zeichner Matthew Roberts in ihrer Serie Manifest Destiny. Die Dinge, auf die die beiden Entdecker in dieser Geschichte stoßen, haben allerdings nichts mehr mit der Realität zu tun, denn „Manifest Destiny“ bietet einen Genremix aus Abenteuer und Western sowie Horror und Fantasy. Ende Mai 1804 scheint noch alles normal, als die drei Schiffe der Gruppe auf dem Weg nach La Charette, der letzten weißen Siedlung vor der Reise ins Unbekannte, sind. Doch das Unbekannte hat La Charette längst erreicht: Vor den Toren lauert eine Herde von Büffelmenschen und im Fort grassiert eine mysteriöse Krankheit, die fast alle BewohnerInnen in stumpfe Pflanzenzombies verwandelt hat. Und nicht nur diese, der ganze Wald ist voller untoter angriffslustiger Wesen. Nur eine geheimnisvolle Indianerin kann Lewis und Clark retten ... Ein fesselndes Mash-up, das zum wohligen Gruseln lädt.




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